Unsere Kinder und die digitalen Medien

Mein Mann und ich arbeiten in Internetunternehmen. Wir haben zwei Teenager und zwei Kleinkinder zu Hause. Wir haben Fernseher, Laptops, Smartphones und Tablets und auch eine Playstation. Wir haben Netflix und Spotify Accounts und unser ganzes Haus ist per W-Lan „verkabelt“. Vermutlich sind wir damit vergleichbar ausgestattet, wie viele andere Haushalte. Und doch ist etwas bei uns grundlegend anders, denn das pure Spielen mit Apps und Co ist bei uns stark reglementiert. Warum, möchte ich euch heute gerne einmal erzählen.

Kinder_Mediennutzung

Was lernt ein Kind denn von einer App die Muh macht wenn man auf die Kuh drückt?

Nichts, nichts und wieder nichts. Ausser das eine Kuh immer auf die gleiche Art muht, wenn man drauf drückt. Aber die gleiche Verknüpfung findet statt, wenn ich mit dem Kind ein Buch lese. Nur dass ich nicht immer auf die gleiche Art muh sage. Aber dafür hört es meine Stimme und bekommt meine Nähe. Das gilt für den zweijährigen genauso wie für den 6-jährigen.

Wofür braucht ein Kind ein Tablet? Wofür braucht es Apps? Was lernt das Kind für seine Zukunft, wenn es in so jungen Jahren bereits Kontakt mit der ganzen Medienvielfalt hat?

Nichts, was es nicht auch in einem Spiel mit Bausteinen und anderen Materialien, aus Büchern oder in der Natur lernen kann. Und deswegen findet das bei uns nicht statt. Es gibt den Sandmann und ab und zu auch mal 10 Minuten Lauras Stern oder vergleichbare Kinderserien. Aber das wars auch schon. Unsere Kleinsten bekommen kein Tablet und kein Smartphone zum Spielen in die Hand. Stattdessen binden wir sie in unsere Aktivitäten ein, spielen mit ihnen, basteln, gehen raus oder es gibt auch mal eine ganz gepflegte Langeweile aus der sich im Normalfall auch mal ein Spiel entwickelt.

Das gilt bei uns im Alltag genauso wie im Restaurant, bei der Bahnfahrt oder im Auto.

Für mich ist das eines der Probleme unserer Gesellschaft. Wir halten keine Langeweile aus. Wir Erwachsenen haben es verlernt. (Und ich schliesse mich nicht aus).  Weil wir es nicht können, können wir uns nicht mehr vorstellen, dass das unseren Kindern gut tut. Und deswegen wartet das nächste grosse Event gleich hinter der Ecke und wenn das nicht greifbar ist, werden halt die Smartphones und Tablets hergezaubert.

Wo soll das denn hinführen?

Aus dem Zusammenleben mit unseren Teenagern bekommen wir natürlich mit, dass wir mit unserer Einstellung zu einem eher kleineren Teil der Bevölkerung gehören. Klar, es gibt auch noch strengere Eltern, die ihren 14-jährigen Kindern das Internet verbieten und kein Smartphone kaufen, mit der Begründung dass es gefährlich ist. Trotzdessen erleben wir, dass der Grossteil der Freunde unserer Kinder einen recht freizügigen Umgang mit Medien erlaubt bekommt.

So erleben wir Kinder in unserem Umfeld die schon seit frühester Kindheit spielen dürfen und heute-mit 10-12 Jahren – Spiele mit FSK 16 – 18 spielen. Weil die Eltern es nicht wissen, ignorieren oder sogar genehmigen. Sohn zwei ist beispielsweise gerade auf Klassenfahrt und die Kinder haben sich bei der Lehrerin beschwert, dass sie zu viele Ausflüge machen und zu wenig Freizeit haben. Sie haben mit der Lehrerin ausgehandelt, dass sie ihre Smartphones und Tablets mit zur Klassenfahrt nehmen dürfen.

Und dann sitzen sie da, die schweigenden Fast-Teenager und starren auf ihre Geräte. Und ich könnte weinen. Denn ich verstehe es nicht. Es sind doch noch Kinder. Sie sollten aufgeregt aus dem Fenster schauen, über die Zimmerverteilung diskutieren, Karten spielen, ihre Süssigkeiten auspacken und von der Lehrerin ermahnt werden, leise zu sein und die anderen Fahrgäste nicht zu ärgern. Aber stattdessen sind sie verschmolzen mit ihren Bildschirmen.

Aber wir leben doch nicht im Mittelalter!

Nein in der Tat. Ich liebe das Internet und seine Möglichkeiten. Ich weiss noch heute, wie mir ein Klassenkamerad erzählt hat, dass er im Internet nach einer Antwort auf eine Frage gesucht hat, Ich fand das verrückt. Und spannend. So spannend, dass ich meine Eltern bequatscht habe, sich einen ISDN-Anschluss zu besorgen. Drei Tage lang habe ich den Rechner verkabelt und das Netz eingerichtet um dann meine allererste AOL-CD in den Windows 3.1 Rechner zu schieben. Ich bin nie davon weggekommen und arbeite nicht ohne Grund seit fast 20 Jahren in Internetunternehmen.

Auch unsere Kinder dürfen ins Netz. Wir verteufeln das nicht. Im Gegenteil. Wir begleiten unsere Kinder – auch die Teenager bis heute dabei. Aber wir versuchen die Medien nicht auf die passive Nutzung von Apps und Games zu reduzieren, sondern den Kindern zu zeigen wie man Realität und Virtuelles Möglichkeiten so miteinander verbinden kann, dass etwas neues entsteht.

Unsere Alternativen zu Apps, Games und Filmen

Wie bereits erwähnt dürfen unsere Kinder durchaus Medien nutzen, aber wir betrachten das aus einem anderen Blickwinkel. Dinge die wir beispielsweise gerne anbieten:

  • Coder DOJOS

Die gibt es in jeder grösseren Stadt. Es handelt sich dabei um Clubs in denen Kinder zwischen 5 und 17 Jahren Programmieren lernen können. Dafür gibt es kindgerechte Programmiersprachen die den Kindern helfen eigene Programme zu schreiben, Webseiten zu bauen und Spiele zu entwickeln. Sie lernen dabei die Logik des programmieren kennen und haben somit eine gute Grundlage um später auch an „richtige“ Programmiersprachen anzuknüpfen.

  • Vaikai

Spielzeug wie https://vaikai.com oder auch https://www.tinkerbots.de verbindet spielen und Technik. Interaktives Spielzeug, dass die Kreativität der Kinder fördert, ihnen keine Grenzen setzt aber eben nicht nur im realen Leben stattfindet sondern auch virtuelle Elemente einbindet ermöglicht Kindern kindgerecht zu spielen und gleichzeitig die Möglichkeiten der Technik kennenzulernen.

  • Actioncam

Mit einer Actioncam können Kinder eigene Videos drehen. Mit dem Skateboard, dem Fahrrad, im Wasser – wo auch immer. Sie können die Filme schneiden und ins Netz stellen und so die Sozialen Medien kennenlernen und aktiv mitgestalten.

  • Bücher mit digitalem Bezug

Für kleinere Kinder ab 7 gibt es eine Buchreihe mit dem Titel „Die Bloggerbande“. Eine Geschichte mit Comic-Elementen in der mithilfe von QR-Codes Zusatzwissen zu bestimmten Passagen im Buch über die dazugehörige Webseite vermittelt wird. Ein spannender Ansatz, da er die analogen Medien mit den digitalen verbindet und Kindern damit beigebracht wird, dass sie das Netz zusätzlich nutzen können um sich Themen tiefer zu erschliessen.

Sind unsere Kinder jetzt Aussenseiter?

Ja und Nein. Sie sind sicherlich nicht eng mit den „Zockerkids“ befreundet und können nicht bei jeder App mitreden.

Die Teenager dürfen durchaus selbst spielen – der Grosse mit 14 seit kurzem auch täglich für 1-1,5 Stunden. Sie haben einen Spotify-Premium Account und dürfen Musik nach Lust und Laune hören. Mithilfe einer Lego-App drehen die beiden derzeit einen Lego Film. Das alles ist für uns in Ordnung, denn die Medien sind Teil ihres Spiels, aber kein passives Steuerungselement. Aber bis zum 12. Lebensjahr haben wir Wert darauf gelegt, dass das eine Ausnahme bleibt.

Aus unserer Wahrnehmung werden wir dafür reich beschenkt und wenn ich dem Glauben schenken darf, was unsere Kinder mir in gemeinsamen Gesprächen erzählen, so sind sie eigentlich recht zufrieden mit uns als Eltern. Denn wir verbringen viel Zeit sehr intensiv miteinander. Jeder spielt mit jedem, wir helfen und gegenseitig und sind füreinander da. Wir lachen viel und streiten auch mal. Ich denke als Familie funktionieren wir gut.

Britzer_Garten_Familienausflug_Berlin

Ich weiss nicht ob das genauso wäre, wenn wir die Mediennutzung freizügiger gestalten und die Kinder sich viel alleine mit den Geräten auseinandersetzen. Ich befürchte, dass wir dann deutlich häufiger getrennte Wege gehen würden und weniger intensiv miteinander leben würden.

Für uns ist es daher der richtige Weg. Wie ist es bei euch?

3 Comments

  1. Pingback: Blogtour – Die Bloggerbande. Das Autoreninterview – Mein Mini-me

  2. Ich finde das total spannend, aus dem Blickwinkel einer „unerzogenen“. Denn beim Thema Kinder ohne Erziehung zu begleiten, geht’s auch oft darum, dass Mediennutzung uneingeschränkt zugänglich sein sollte, damit Kinder sich auch bei diesem Punkt selber regulieren lernen. Ich finde das nämlich aber genauso schwierig wie du es beschreibst und sehe es auch kritisch. Denn jedes andere Familienmitglied würde ich auch überzeugen, doch lieber Zeit mit mir zu verbringen als mit der Glotze oder dem Laptop beispielsweise. Bisher haben wir noch keine Regelung gefunden, die gepasst hat, was mich ärgert. Aber wir sind dran. Ich frage mich, wie oft habt ihr das Smartphone in der Hand oder seid am Rechner, also ihr Eltern? Und wie reagieren die Kinder darauf?

    • Das ist eine spannende Frage. Wir haben die Geräte sehr häufig in der Hand, aber meist zu Arbeitszwecken. Die Kinder wissen, das in unseren Jobs nichts ohne Rechner und Smartphone geht. Gerade wenn ich wieder arbeiten gehe, bin ich halt fast immer erreichbar und schalte das Handy nur im Urlaub und an Wochenenden aus. Allerdings können die Kinder das klar trennen. Sie wissen dass wir nicht zocken, sondern arbeiten.

      Es gibt allerdings immer mal wieder Zeiten, wo wir an uns bemerken, dass wir uns von den ganzen sozialen Medien sehr in ihren Bann ziehen lassen – es ist wie eine Sucht. Aber das wird dann auch sofort von den Kindern reflektiert. Sie werden nörgelig, schlechtgelaunt, die Stimmung kippt. Als ob sie an unserer Ausstrahlung merken, dass wir nicht arbeiten sondern „nur surfen“ und unsere Aufmerksamkeit nicht ihnen gehört. Ich nehme das meist sehr schnell wahr und dann kommt das Smartphone weg.

      Am Ende sind wir ja die Vorbilder und ich kann nicht selbst wie wild zocken und surfen und es ihnen verbieten. Das fällt gegebenermassen manchmal schwer.

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